Die Nützlichkeit des Schulschwänzens

Wenn nötig, holt sich Klassenvorstand Michaela Hellmann Rat bei Schulsozialarbeiter Michael Bischof-Horak. Dieser erörtert mit seinen SchülerInnen ausgiebig die Vorteile des Schuleschwänzens.

Mike Bischof-Horak: Schulsozialarbeit soll Unterstützung für SchülerInnen, aber auch für Eltern und LehrerInnen sein. LehrerInnen sind bei Konflikten in der Regel die ersten Ansprechpersonen. Sie verfügen aber meistens weder über die Zeit noch die nötigen Qualifikationen, um schwierige Konflikte zu lösen. Da ist zum Teil eine gewisse Überforderung spürbar. Da kommt dann die Schulsozialarbeit ins Spiel.

Michaela Hellmann: Ich bin Klassenvorstand in einer Handelsschule. Damals, als der Mike gekommen ist, war ich in der ersten Klasse. Anlass war ein Problem mit Ausländerfeindlichkeit. Zwischen einem Mädchen mit Migrationshintergrund und einem Burschen ist es ziemlich wild hin und her gegangen. Ich habe dann einen so genannten Klassenrat einberufen, eine Methode, bei der ich als Leiterin sehr neutral sein muss. Da setzt man sich im Kreis auf und jede Konfliktpartei kann Probleme vorbringen. Auch alle anderen SchülerInnen dürfen ihre Meinung vorbringen, nur ich - als Leiterin des Klassenrates - durfte meinen Standpunkt nicht sagen. Das ist nicht gut gegangen.

Am Ende hat mir das Mädchen vorgeworfen, ich stünde auf der Seite des Burschen, was sie offenbar tatsächlich so wahrgenommen hat, aber überhaupt nicht der Fall ist. So bin ich dann nach Hause gegangen und war komplett fertig.

Darauf hin habe ich den Mike kontaktiert. Er hat mir Tipps gegeben, um das ganze wieder einzurenken. Er hat mir geraten, nur mit den beiden ein Gespräch zu führen, nicht mehr vor der ganzen Klasse. Bei diesem Gespräch habe ich dann zunächst beiden meinen persönlichen Standpunkt erklärt. Dann habe ich dem Burschen klar gemacht, dass es an unserer Schule sehr viele SchülerInnen mit Migrationshintergrund gibt. Ich habe ihm unvermittelt gesagt, dass er das entweder akzeptieren muss, oder er geht von der Schule. Das hat natürlich nicht die Einstellung des Burschen geändert, aber wir hatten keine Probleme mehr in der Klasse.
 

An dieser Episode sieht man, wir sind nicht ausgebildet für die Probleme, die wir oft erleben. So wie die Schule heute organisiert ist, geht sie davon aus, dass die SchülerInnen ihre Probleme zu Hause lassen und die ganze Stunde hochkonzentriert am Unterricht teilnehmen. Das entspricht aber nicht der Realität.

Mike Bischof-Horak: Zukunftsfragen sind bei den Jugendlichen sehr oft Thema, die zu mir in die Beratung kommen. Sehr viele sind einfach orientierungs- und perspektivenlos. Sie wissen nicht, was sie mit der HAK oder HAS eigentlich tun sollen. Das kann ein Grund für hohe Schulabsenzen sein - deren Senkung Auftrag unseres Projekts ist.

Wenn nun einer mit 100 Fehlstunden aufmarschiert, frage ich, was ist der Gewinn dran, dass du soviel Stunden schwänzt? Und dann sitzen wir und er redet so lange über das, was alles lässig am Schwänzen ist, bis ihm irgendwann selbst ein „aber“ herausrutscht. Und dann sind wir, wo wir hinwollen: Was ist der Nachteil an der Sache? Und das muss dann nicht ich ihm erklären - denn es ist sein „aber“.

Ich arbeite auch gerne mit einem Zeitstrahl, wo der Betreffende schildert, wo er sich in zwei oder in fünf Jahren sieht. Oft stelle ich auch die Wunderfrage: Wenn du aufwachst und alles ist gut, wie stellt sich dein Leben dann dar? Da phantasiere ich mit den Jugendlichen und entwickle etwas für die Zukunft. Wenn das greift und eine Eigenmotivation der SchülerInnen sichtbar wird, fokussiere ich wieder auf die Gegenwart und frage: Was sind die nächsten Schritte, um dort hin zu kommen? Ich versuche die Jugendlichen ein Stück weit so zu betreuen, dass ihnen beim Rausgehen klar ist; das ist mein Leben.

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